Französische Literatur

17. Jahrhundert

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Mittelalter

Die Geburt eines starken Staates

Zunächst einmal ist es das Ende, oder fast das Ende, der Religionskriege in Frankreich. Dank des Edikts von Nantes töten sich Familienmitglieder nicht mehr gegenseitig wegen ihres Glaubens. Doch der Krieg wütet bis zur Mitte des Jahrhunderts an, vor allem in Mitteleuropa und in den deutschen Staaten, wo er verheerende Folgen hat.

In Frankreich lastet die königliche Autorität schwer auf den Adligen, die entweder auf dem Lande ausgegrenzt oder am Hof von Versailles überwacht werden.

Die Bauern werden wie üblich durch Steuern erdrückt und haben fast keine Rechte, obwohl sie 90% der Bevölkerung ausmachen. Die Literatur der Zeit ignoriert sie fast vollständig, außer La Fontaine, beispielsweise in seiner Fabel „Der Tod und der Holzfäller“.

Aber Frankreich ist die erste kulturelle, politische und militärische Macht in Europa, und weiß es. Der ganze Westen richtet sich nach seiner Mode, seinem Geschmack und seinen Bräuchen. Descartes gibt der Philosophie neuen Schwung, Französisch wird die Sprache der Diplomatie. Überall in Europa werden kleine Versailles geschaffen.

Beherrschung und Vornehmheit

Aber diese Macht wird nicht ohne Kontrolle ausgeübt. Nach einer trunkenen, kühnen und hemmungslosen Renaissance zeichnete sich das siebzehnte Jahrhundert durch die Tendenz aus, zu korrigieren, zu verbieten, zu verdammen, die Natur in sorgfältig geplanten Gärten zurechtzustutzen. Die Gesellschaft verwendet viel Energie darauf, zwischen dem zu unterscheiden, was angemessen ist und was nicht, zwischen dem guten Geschmack und dem schlechten. Kurzum, es ist ein Jahrhundert des Raffinement.

Eine Epoche im Hell-Dunkel

Diese Raffinesse kann lustig sein, wie die soziale Komödie, die La Bruyère und Molière amüsierte. Aber die Autoren des Jahrhunderts haben auch eine dunklere Sichtweise. Was wäre, wenn all diese Aufregung in Wirklichkeit nur dazu diente, uns den Schrecken des Todes vergessen zu lassen?

So können die Schriftsteller des siebzehnten Jahrhunderts schillernd kraftvoll sein, in der Art von Pascal oder La Rochefoucauld, mit einem sehr intensiven Spiel von Hell und Dunkel, wie dieses Gemälde von Trophime Bigot.

Dieses seltsame und kontrastreiche Licht umgibt das Leben vieler großer Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts. Ludwig XIV., Racine, Pascal, Rancé und sogar La Fontaine, nachdem sie in Saus und Braus gelebt haben – Frauen, Feste, gutes Essen -, enden damit, dass sie den Vergnügungen entsagen, die Lampen löschen, sich von den Menschen entfernen und sich Gott nähern.

Die französische Sprache im 17. Jahrhundert

Das siebzehnte Jahrhundert war ein rigoroses Jahrhundert, im Zeichen der Kontrolle und Zwänge. Das Französische gewann an Strenge, verlor aber an semantischem Reichtum. Während die Renaissance im Zeichen des Überflusses und Exzesses stand, machte sich  das siebzehnte Jahrhundert daran, den Sprachgebrauch zu fixieren und ein als zu üppig empfundenes Vokabular auszulichten. Die Gründung der Académie française war Teil dieser Regulierungsbewegung.

In ihren Ausdrucksmöglichkeiten zunehmend eingeschränkt, begannen die Autoren die Suche nach dem richtigen Wort und nach der Musikalität ihrer Sprache. Diesem Bemühen entspricht ein Ideal von Klarheit und Eleganz, das den Autoren des Jahrhunderts (zu Recht oder zu Unrecht) als die eigentliche Genialität der französischen Sprache erscheint. Gegen Ende des Jahrhunderts ist die allgemeine Meinung, dass man es nie besser machen könne, dass man den Gipfel der Sprache erreicht habe (diese Selbstzufriedenheit ist auch für die Herrschaft Ludwigs XIV. charakteristisch). In gewisser Weise stimmt das auch, wenn wir uns auf das Ideal von Klarheit und Eleganz beziehen, das damals die Norm war. Wer aber auf Biegen und Brechen klar im Ausdruck sein zu will, nimmt der nicht auch an , dass im Menschen nichts grundsätzlich unklar und verworren ist? Ist das nicht ein bisschen naiv (oder optimistisch!)? Die Romantik würde viel später die französische Sprache in diese Nebel und aufgewühlten Gefühle führen, die das 17. Jahrhundert nicht berücksichtigen wollte.

Die Literatur des 17. Jahrhunderts:

Zwischen barocker Überschwänglichkeit und klassischer Zurückhaltung

Die Überschwänglichkeit des Barock

Die meisten Schriftsteller, die heute als „Klassiker” des 17. Jahrhunderts gelten, lebten oder veröffentlichten ihre Werke in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Diejenigen aus den früheren Jahrzehnten werden im Großen und Ganzen nicht als klassisch in Stil oder Geist angesehen. Tatsächlich sind viele von ihnen fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Während Racine, Corneille, La Fontaine, Molière und Blaise Pascal nach wie vor weithin bekannt sind, wer erinnert sich heute noch an Agrippa d’Aubigné, Scarron, Tristan L’Hermite oder Théophile de Viau?

Diese Autoren des frühen 17. Jahrhunderts wurden später in eine recht weit gefasste Sammelkategorie eingeordnet: die Barockliteratur, analog zur Barockarchitektur, die sich durch eine Art Überschwänglichkeit auszeichnet, die im Gegensatz zu den später aufkommenden klassischen Idealen steht. Ihre Werke zeichnen sich durch emotionale Intensität und eine Vorliebe für lebhafte, konkrete, oft derbe – und manchmal sogar blutrünstige – Bilder aus.

Die Barockarchitektur, die im frühen 17. Jahrhundert in Italien entstand, hatte zum Ziel, die wiedergewonnene Macht der katholischen Kirche nach den Krisen der Renaissance zu bekräftigen.

Im gleichen Sinne und als Reaktion auf die protestantische Strenge wollte die Barockmalerei das Auge ûberwaltigen.

Im Gegensatz dazu bezieht sich das, was in den 1950er Jahren als „Barockmusik” bezeichnet wurde, auf einen viel längeren Zeitraum – vom 17. bis zum 18. Jahrhundert – und umfasst eine Vielzahl von Stilen.

Mitleid und Transzendenz : Auszug aus Gregorio Allegris Miserere (um 1638).

« Échevelée, affreuse, et bramant en la sorte
Que fait la biche après le faon qu’elle a perdu.
Que la bouche lui saigne, et son front éperdu
Fasse noircir du ciel les voûtes éloignées ;
Qu’elle éparpille en l’air de son sang deux poignées,
Quand, épuisant ses flancs de redoublés sanglots,
De sa voix enrouée elle bruira ces mots :
« O France désolée ! ô terre sanguinaire ! » »

Agrippa d’Aubigné, Les Tragiques

Zerzaust, schaurig, und röhrend so,
wie eine Hirschkuh nach dem Kalb, das sie verlor.
Dass ihr der Mund blute, und die verstörte Stirn
die fernen Wölbungen des Himmels schwärze;
dass sie in die Luft zwei Händevoll ihres Blutes streue,
wenn sie, den Leib erschöpfend in verdoppelten Schluchzern,
mit heiserer Stimme diese Worte hervorstößt:
„O verwüstetes Frankreich! o blutrünstiges Land!“

(unveröffentlichte Übersetzung)

Blut und Tränen

Erschüttert vom religiösen Bürgerkrieg in Frankreich entfaltet Agrippa d’Aubigné in Les Tragiques (1616) erschreckende Visionen. Keine Litotes, keine zurückhaltenden Umschreibungen: d’Aubigné schreibt über Fleisch, Eingeweide, Todesröcheln – sogar über Kannibalismus innerhalb der Familie. Es ist, offen gesagt, brutal.

Die brennenden Eingeweide, erschüttert von den Krämpfen des Blutes,
die Sinne, die Menschlichkeit, das zitternde, erschütterte Herz –
alles verdreht sich und löst sich ineinander auf. (unveröffentlichte Übersetzung)

Nicht jedes Werk dieser Zeit ist so gewalttätig, doch viele teilen eine überschäumende Leidenschaft. So feiert Tristan L’Hermite die Liebe mit Fieber und Entrückung:

Willst du mir als süßes Vorrecht
einen Rang über Menschen geben?
Lass mich trinken aus dem Hohl deiner Hände,
wenn das Wasser ihren Schnee nicht schmilzt.
Ach, ich kann nicht mehr, ich vergehe,
meine Seele ist bereit, davonzufliegen … (unveröffentlichte Übersetzung)

Kein Wunder, dass die Romantiker große Sympathie für diese erste Hälfte des 17. Jahrhunderts empfanden!

Der heroisch-sentimentale Roman

Gleichzeitig entstanden äußerst umfangreiche Romane wie L’Astrée, ein Labyrinth sentimentaler Verwicklungen, in denen heroische Heldentaten idealisierte Liebesgeschichten unterstreichen. Dieses Werk war einer der großen Erfolge seiner Zeit. Diese Tendenz zu ausladenden Erzählungen verband sich später mit der Strömung der preziosität in der Mitte des Jahrhunderts: Le Grand Cyrus von Madeleine und Georges de Scudéry, Cassandre und Cléopâtre von Gautier de Costes.

Barocke Leidenschaft und Überfluss
Marin Marais, Couplet des folies.
Lucie Horsch (flöte), Thomas Dunford (theorbe).

Der Übergang zur klassischen Kunst

Emotion in Prägnanz
Dieses Largo von Johann Sebastian Bach veranschaulicht in flüssiger, natürlicher und zurückhaltender Weise das klassische Ideal in der Literatur.
(Maria João Pires / Riccardo Chailly – Auszug aus dem Konzert Nr. 5, BWV 1056)

Mäßigung und Prägnanz

Die neuen Generationen wurden zwar von der Literatur des frühen 17. Jahrhunderts geprägt, lehnten jedoch alles ab, was sie als übertrieben empfanden: die Idealisierung der Liebe, unglaubwürdiges Heldentum, ständige Wendungen in der Handlung und die Vorliebe für Blut. Racine, Madame de Lafayette, La Rochefoucauld und Molière verfolgten einen wesentlich realistischeren und psychologisch nuancierteren Ansatz als ihre Vorgänger. Die Form wurde straffer und prägnanter.

Feinfühligkeit und Flüssigkeit

Obwohl emotionale, wirtschaftliche und soziale Gewalt in der Literatur des 17. Jahrhunderts allgegenwärtig blieben, wurde ihr Vokabular allmählich raffinierter, auf Kosten einer konkreten, leibnahen Sprache. Das Wortschatz wurde zunehmend exklusiver. Die Literatur schätzte Bescheidenheit und Zurückhaltung, verfiel jedoch nicht in affektierte Preziosität.

Im Theater wurde physische Gewalt von der Bühne verbannt (während beispielsweise Shakespeare sich daran erfreute). In Pierre Corneilles Horace findet der Mord an Camille durch ihren fanatischen Bruder hinter der Bühne statt; man hört nur einen Schmerzensschrei („Ah, Verräter!“).

Diese Bescheidenheit hinderte die Schriftsteller nicht daran, die Machthaber scharf zu kritisieren, wie La Fontaine in seinen Fabeln oder La Bruyère in bestimmten Charakterporträts. Ihre Angriffe sind jedoch von großer Subtilität geprägt. Auf dem Höhepunkt der klassischen Periode entwickelte sich eine geschmeidige, präzise und nuancierte Sprache, die bis heute ein Vorbild an Klarheit und Flüssigkeit ist.

Racines Randnotiz in der Odyssee

Der klassische Schriftsteller beklagt, dass er nicht über Kühe und Schweinehirten sprechen kann:

„Homer beschreibt die Freude, die sie in diesem Moment empfanden, und vergleicht sie mit der Freude junger Kälber, die nach dem Weiden wieder mit ihren Müttern vereint sind. Dieser Vergleich ist von großer Feinfühligkeit geprägt, denn die Worte „Kalb” und „Kuh” sind im Griechischen nicht so schockierend wie in unserer Sprache, die fast nichts toleriert und weder das Lob der Kuhhirten, wie bei Theokrit, noch die heroische Darstellung des Schweinehirten von Odysseus zulassen würde. Aber solche Verfeinerungen sind in Wahrheit echte Schwächen.”

 

Vom Helden zum ehrlichen Menschen

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war der Glaube an Helden geschwunden. Amadis von Gallien und die Ideale der Ritterlichkeit gehörten der Vergangenheit an. Der Jansenismus, eine seit den 1640er Jahren sehr einflussreiche religiöse Bewegung, leugnete jegliche angeborene Größe des Menschen und verwarf die Vorstellung, dass der Einzelne über sein eigenes Seelenheil bestimmen könne.

Durch Selbstbeobachtung gelangte einer seiner führenden Denker, Pierre Nicole, zu etwas, das dem Konzept des Unbewussten nahekommt:

Es gibt immer eine gewisse Tiefe in uns, eine gewisse Wurzel, die uns unser ganzes Leben lang unbekannt und undurchdringlich bleibt.

Diese Idee wird von La Rochefoucauld in seinen Maximen weiterentwickelt, in denen der Mensch blind für die wahren Motive hinter seinen Handlungen erscheint. Nach Auffassung dieses illusionslosen Beobachters menschlicher Natur besteht der einzige Weg, ein ehrlicher Mensch (honnête homme) zu werden, darin, die Illusionen der Allmacht aufzugeben und die eigenen Schwächen und oft widersprüchlichen Wünsche zu akzeptieren.

In diesem Sinne ist der ehrliche Mensch in Molières Der Menschenfeind nicht Alceste – der kompromisslose Verfechter der Aufrichtigkeit –, sondern die Figur, die es versteht, sich in der sozialen Heuchelei zu bewegen, ohne ihre Integrität zu verlieren.

Die Dunkelheit des Herzens

(Marin Marais, Les Voix humaines, zweites Buch mit Viola-Stücken, 1701)

Ein Jahrhundert der Spannungen

Wie in vielen Epochen entbrannte auch im 17. Jahrhundert ein Streit zwischen den Ancients und den Moderns. Die Ancients (Racine, Boileau, La Fontaine, Molière usw.) beharrten auf der Überlegenheit der klassischen Antike. Die Modernen (Charles Perrault, Fontenelle, Quinault usw.) erklärten: „Genug der Antike!“, da sie glaubten, dass das Frankreich Ludwigs XIV. groß genug sei, um als Vorbild zu dienen. Ironischerweise waren es nicht die selbsternannten Progressiven, die die tiefsten Spuren in der Geschichte hinterließen.

Eine weitere große Spannung des Jahrhunderts bestand im Gegensatz zwischen barocker Leidenschaft und Freiheit einerseits und klassischer Zurückhaltung und Ausgewogenheit andererseits. Es wäre jedoch zu einfach, eine strenge Grenze zwischen beiden zu ziehen. Für viele Schriftsteller waren dies innere Kräfte, die miteinander in Dialog standen. Die Werke von Corneille beispielsweise sind von beiden Impulsen geprägt. In ähnlicher Weise verkörpern Pascals Pensées perfekt das klassische Ideal und drücken gleichzeitig den existenziellen Schwindel der menschlichen Existenz aus:

Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich.

Innerer Schwindel
J.S. Bach, Auszug aus dem Orgelkonzert BWV 594, Allegro.

Die Geburt einer staatlichen Kulturpolitik

1635 gründete Richelieu die Académie Française und beauftragte sie mit der „Festlegung von Regeln für unsere Sprache und ihrer Reinigung, damit sie eloquent wird und sich für die Behandlung der Künste und Wissenschaften eignet“. Die Académie des Sciences, die Académie des Inscriptions und die Académie de Musique wurden später von Colbert und Ludwig XIV. gegründet.

Provinzakademien, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts durch königliche Patentbriefe autorisiert wurden, spielten ebenfalls eine wichtige Rolle im kulturellen Leben der Städte im gesamten Königreich. So konnte Jean-Jacques Rousseau beispielsweise durch die Teilnahme an einem von der Académie de Dijon organisierten Wettbewerb seine Ideen präsentieren und Ruhm erlangen.

Die wichtigsten Schriftsteller des 17. Jahrhunderts