Französische Literatur

Sein Leben

Gustave Flaubert wird 1821 in Rouen geboren. Sein Vater ist Chirurg im städtischen Hôtel-Dieu und Gustave verbringt seine Kindheit in einer recht morbiden Atmosphäre.

Schon früh von der Literatur und vom Schreiben fasziniert, langweilte er sich im Unterricht und noch mehr langweilt ihn die Aussicht auf ein Studium der Rechte und eine Karriere als Anwalt. Da kommt dem jungen Flaubert 1844 ein schwerer Nervenzusammenbruch, der ihn daran hindert, sein Studium fortzusetzen, geradezu gelegen: Seine Familie beschließt, ihn schreiben zu lassen und ihm die Mittel dazu zu geben. Zwei Jahre später sterben sein Vater und seine Schwester Schlag auf Schlag. Mit 25 Jahren findet er sich allein mit seiner Mutter, die der Kummer erdrückt hat, in einem leeren Haus wieder. Zusammen mit seinem Freund Du Camp unternimmt er von November 1849 bis Mai 1851 eine lange Reise in den Orient.

Nach seiner Rückkehr in Frankreich lässt er sich dauerhaft auf dem Familienbesitz in Croisset nieder und widmet sich seinem Werk, wobei sich gelegentliche Aufenthalte in Paris und lange Phasen der Einsamkeit in der Normandie abwechseln. Von da an lebt er als „Mensch der Feder“. Er schreibt: „Ich fühle durch sie, ihretwegen, in Bezug auf sie und viel mehr mit ihr“. Sein Leben sollte fortan mit der Geschichte seines Werkes verschmelzen: seine Korrespondenz, so lebendig und spontan, erzählt fast Tag für Tag die Schaffung dieses Werkes. Flaubert stirbt 1880 im Alter von 59 Jahren.

« Weißt du, wie viele Seiten ich diese Woche geschreiben habe? Eine, und ich sage nicht, dass es eine gute war! Eine schnelle, leichte Passage musste her, dabei war ich aber in einer erdrückenden Verfassung ! Welch Schmerz ich habe!  Es ist etwas grausam Köstliches um das Schreiben. Sich in derartige Qualen hineinzustürzen und nichts anderes wollen, darin liegt ein Geheimnis, dessen Lösung sich mir entzieht. »

 

An Louise Colet, 29. Januar 1854

Flaubert und seine Zeit

Er hasst sie. Flaubert wird während der „Restauration“ geboren, die Epoche der Wiederherstellung der Monarchie nach der napoleonischen Episode. Trotz zweier Revolutionen (1830 und 1848) sieht er seine Epoche vor allem als der moralischen Ordnung und der industriellen Entwicklung. In seiner Éducation sentimentale entwickelt er eine sehr tiefgründige Analyse der Hoffnungen und Misserfolge seiner Generation, die ihrer Zeit weit voraus ist.

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Gewissheiten: Man glaubte an die Wissenschaft, an den Fortschritt, an die Technik, man glaubte an Tugend und Moral, an Zivilisation und Kolonisation. Flaubert wird sich sein Leben lang bemühen, diese Gewissheiten zu demontieren, um zu zeigen, dass sie nur auf Illusionen, Lügen und überkommene Vorstellungen beruhen. Aber er geht noch weiter: Sind die Kritiken, die wir an unsere Zeit richten, nicht selbst Ideen, die von der Zeit geformt und von uns  wie Papageie wiederholt werden ? Seltsamerweise wird er in seinem  Dictionnaire des Idées reçues folgenden Artikel schreiben:

„Epoche (die unsere): Gegen sie donnern. – Beklagen, dass sie nicht poetisch sei. – Sie Epoche des Übergangs, der Dekadenz nennen.“

Wir sind immer ein wenig in unserer Zeit gefangen, selbst wenn wir denken, dass wir sie urteilen. Dies ist die Lektion, die Flaubert uns erteilt.

« Ich bin ein Bär und Bär will ich bleiben in meiner Höhle, in meinem Bau, in meiner Haut, in meinem alten Bärenfell, ruhig und weit weg vom Spießbürger und den Spießbürgerinnen »

An Caroline Flaubert, 20. Dezember 1843

Sein Platz in der Literaturgeschichte

Lyrisch in seinen orientalisch inspirierten Werken, aber mit großer Präzision das provinzielle und Pariser Leben analysierend, konnte Flaubert später von so gegensätzlichen Strömungen wie dem Realismus und dem neuen Roman der 1960er Jahre in Anspruch genommen werden. Die von ihm  initiierte Erneuerung der Romanform, seine Auffassung der Literatur und der Rolle des Schriftstellers machen aus ihm den ersten der modernen Romanciers.

Flaubert war auch  für die Entwicklung der Stellung des Schriftstellers in der Gesellschaft bedeutend. In der Tat hat Flaubert schon sehr früh das Schreiben in den Mittelpunkt seines Lebens, ja in den Mittelpunkt des Lebens überhaupt gestellt, hat sich nicht dafür entschuldigt, sondern ist voll und ganz dazu gestanden.

« Abseits meines Tisches bin ich dumm. Tinte ist mein natürliches Element. Eine schöne Flüssigkeit, übrigens, diese dunkle Flüssigkeit! Und gefährlich! Wie man darin ertrinkt! Wie sie einen anzieht! »

 

An Louise Colet, 14. August 1853

Warum Flaubert ein außergewöhnlicher Schriftsteller ist

Kein Schriftsteller hat sein Werk mehr durchdacht, meditiert und ausgereift als er. Für jedes Buch waren mindestens fünf Jahre harte Arbeit und 5.000 Seiten an Entwürfen notwendig. Diese Aufmerksamkeit für die Konzeption des Ganzen und für jedes kleinste Detail macht jedes seiner Werke zu einem literarischen Objekt, in dem jede Silbe abgewogen und nichts dem Zufall überlassen wird: „Lieber krepiere ich wie ein Hund, als dass ich einen Satz, der nicht reif ist, um eine Stunde haste „, schrieb er an einen seiner Freunde, der ihn zur Veröffentlichung drängte.

Tief beeinflusst von der romantischen Sensibilität und seinen Erfahrungen im Orient, wechselte Flaubert seine „Sujets“ zwischen dem Frankreich seiner Zeit und einem in jeder Hinsicht gegensätzlichen Orient. Sein eigentlicher Ehrgeiz ist es, eine Perfektion in der Form und im Stil zu erreichen, „welcher in sich selbst eine absolute Art ist, die Dinge zu sehen“. Vor ihm hatte niemand so viel Intensität und Hartnäckigkeit in dieses Bemühen gesteckt.

Dieser außergewöhnliche schriftstellerische und konzeptionelle Anspruch führte dazu, dass Flaubert Werke schuf, die in ihren Erzählprinzipien (Relativität der Standpunkte, Verweigerung eines Schlusses) innovativ waren und einen für die damalige Zeit sehr neuen Blick auf die Sprache eröffneten. Im Gegensatz zu den Romantikern war Flaubert der Ansicht, dass der Ausdruck eines singulären Ichs nicht selbstverständlich ist, so schwierig ist es, den Klischees und vorgefassten Meinungen zu entkommen, die die Sprache vermittelt. Dadurch erwecken seine Figuren den Eindruck, als würden sie durch Worte planschen . Gerade deshalb wirken sie aber auch sehr menschlich.

« Ich glaube, ich bin wieder auf meinem Gaul. Wird er noch mehr falsche Bewegungen machen, die mir die Nase brechen? Ist sein Rücken stärker? Wird er lange halten? Gott bewahre ihn ! Aber es scheint mir, dass ich mich erholt habe. Diese Woche habe ich drei Seiten geschrieben, die, wenn schon nichts anderes, so doch wenigstens etwas Tempo haben. Es muss funktionieren, es muss laufen, es muss fulminieren, oder ich werde daran sterben; und ich werde nicht daran sterben. »

An Louise Colet, 25. Februar 1854

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