Die fröhliche Wissenschaft
Sein Leben
François Rabelais wurde entweder 1483 oder 1494 geboren – darüber herrscht bis heute keine völlige Einigkeit. Sein Geburtshaus, La Devinière bei Chinon in der Touraine, steht noch immer. Schon in jungen Jahren trat er ins Kloster ein: zunächst zu den Cordeliers in Fontenay-le-Comte, später, ab 1524, bei den Benediktinern. In dieser Zeit widmete er sich mit großer Leidenschaft dem Studium der alten Sprachen, vor allem des Griechischen, in dem er zu einem anerkannten Gelehrten wurde. Doch schon bald verließ Rabelais das Klosterleben, um an der damals hoch angesehenen Universität Montpellier Medizin zu studieren, und wurde 1537 selbst Arzt. Unterdessen nahmen ihn einflussreiche Gönner unter ihre Obhut – darunter der spätere Kardinal Jean du Bellay, Onkel des Dichters Joachim – und ermöglichten ihm ausgedehnte Reisen. Er verbrachte längere Zeit in Lyon und unternahm mehrere Aufenthalte in Italien.
1532 veröffentlichte er Pantagruel, und um 1534 folgte Gargantua. François Rabelais wurde berühmt, einflussreich und stand unter dem Schutz seiner Förderer. Er galt als führende medizinische Autorität, dessen Rat selbst in schwierigen Fällen gesucht wurde – nicht nur in medizinischen Angelegenheiten. Seine Gönner vertrauten ihm sogar geheime Missionen an.
Zensur und Reisen
Doch das geistige Klima der Renaissance begann sich zu verändern. Die Institutionen gingen zunehmend gegen Schriftsteller vor, die zu frei dachten. Atheisten und Ketzer wurden auf dem Place Maubert in Paris öffentlich verbrannt. Das 1546 mit königlicher Genehmigung erschienene Dritte Buch wurde von der Sorbonne zensiert. Vorsichtig floh Rabelais nach Metz und unternahm später eine weitere Reise nach Rom, wo er sich dem Studium des Arabischen widmete. Auch das 1548 erschienene Vierte Buch fiel der Zensur zum Opfer. Trotz der Gefahren dürfte Rabelais’ Leben zu dieser Zeit dank der Einkünfte aus den kirchlichen Pfründen, die ihm sein Freund, der Kardinal, überließ, recht komfortabel gewesen sein. Rabelais starb 1553 in Paris. Sein Erfolg war so groß, dass bald nach seinem Tod ein Fünftes Buch veröffentlicht wurde – allerdings war er nicht dessen alleiniger Verfasser.
„So, genug davon – nun zurück zu meinem Fass. Auf den Wein, Freunde! Kinder, trinkt mit vollen Bechern! Wenn er euch nicht schmeckt, lasst ihn stehen. Ich gehöre nicht zu diesen lästigen Säufern, die mit Zwang, mit Beschimpfung und Gewalt ihre Kameraden zum Trinken nötigen – und zwar bis auf den letzten Tropfen, versteht sich.“
— Drittes Buch, Prolog
Rabelais und seine Zeit
Das 16. Jahrhundert war in Frankreich eine Epoche des Aufbegehrens. Das entscheidende Ereignis war Martin Luthers Bruch mit den religiösen Institutionen in dem Bestreben, zu einem ursprünglicheren, evangelischen Christentum zurückzukehren. Auch Rabelais bildete keine Ausnahme. Zwar schloss er sich weder den lutherischen noch den calvinistischen Bewegungen an, doch er kritisierte scharf die Korruption des Klerus, den Verfall der kirchlichen Institutionen und die sinnlose Gewalt seiner Zeit.
Die Renaissance war zugleich eine Zeit des unstillbaren Wissenshungers. Die Gelehrsamkeit der Humanisten nahm oft die Form einer freudigen, beinahe rauschhaften Wiederentdeckung der großen Texte der Antike an – Werke, die dank einer revolutionären Erfindung, der Druckerpresse, nun einem breiteren Publikum zugänglich wurden.
Als Mönch, Arzt, Jurist, Philologe, Diplomat und Schriftsteller verkörperte François Rabelais den Humanismus seiner Zeit ebenso wie den grenzenlosen Durst nach Wissen – in einer Epoche, in der ein Mensch noch hoffen konnte, alles zu erfassen.
„Da ich die Trauer sehe, die euch verzehrt und aufzehrt,
ist es besser, vom Lachen zu schreiben als von Tränen;
denn das Lachen ist des Menschen ureigenstes Wesen.“
– Gargantua, Warnung an den Leser
Sein Platz in der Literaturgeschichte
Rabelais geriet lange Zeit in Vergessenheit. Im 17. Jahrhundert nahm die Literatur eine entgegengesetzte Richtung: Der Körper und seine Freuden verschwanden von der Bühne, ausgelassenes Lachen wich höflichem Lächeln. In allem strebte man nach Mäßigung, Zurückhaltung und Raffinesse – ein Abschied von Gigantismus und üppigen Gelagen. Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts konnte Rabelais’ Maßlosigkeit, seine Derbheit und seine überschäumende Energie nicht akzeptieren.
Der Vater des Romans
Erst das 19. Jahrhundert erkannte das Genie des Autors und seinen Platz in der Literaturgeschichte. Man würdigte ihn schließlich als den wahren Vater des modernen Romans. Gustave Flaubert las ihn fast täglich sein ganzes Leben lang; als junger Mann verfasste er sogar eine Studie über Rabelais, die seine Freude und Bewunderung für dessen Werk ausdrückte. Als man aufhörte, Rabelais’ Bücher als verschlüsselte Chroniken zu betrachten, begann man, die gewaltige Dimension seines Schaffens zu begreifen. Von da an wurde Rabelais’ Stimme immer lauter und trug immer weiter.
Ein besonders bewegendes Beispiel seiner Wirkung findet sich in der Nobelpreisrede des japanischen Schriftstellers Kenzaburō Ōe (1994), in der er François Rabelais eine eindringliche Hommage widmete:
Die Bedeutung materieller und physischer Kräfte; die enge Verbindung zwischen kosmischen, sozialen und körperlichen Elementen; die Überlagerung von Tod und der Leidenschaft für Erneuerung; Lachsalven, die scheinbare Hierarchien umstürzen können – all diese Bildsysteme eröffneten mir, der ich in einer Peripherie namens Japan und darüber hinaus in einer Randregion dieses Landes geboren wurde, einen Ausdrucksweg zur Universalität, während ich zugleich in dieser Peripherie verwurzelt bleiben konnte.
„Diejenigen, die behauptet haben, Rabelais durch Schlüssel erklären zu können, in jedem Wort Allegorien zu sehen und jeden Scherz zu übersetzen, haben meines Erachtens das Werk nicht verstanden. Die Satire ist allgemein, universal – nicht persönlich oder lokal.“
— Gustave Flaubert
Warum Rabelais ein außergewöhnlicher Schriftsteller ist
François Rabelais ist ein Autor, der sich alles erlaubt. Seine Fantasie ist schier grenzenlos. Seine Erzählungen nehmen die Form scholastischer Disputationen, epischer Dichtungen, endloser Aufzählungen oder fantastischer Abenteuer an – alle mit einer überwältigenden Freiheit geschrieben. Ganz der Freude am Schreiben hingegeben, ignoriert er kühn alle Konventionen, Perspektiven und Plausibilitäten. Seine Sprache explodiert in einem visuellen und akustischen Feuerwerk – wie die gefrorenen Worte im Vierten Buch, die im Wintereis gefangen sind, sich beim Auftauen mit einem Knacken lösen und vor Lebendigkeit sprühen.
„Nachdem Pantagruel diese Briefe empfangen und gelesen hatte, fasste er neuen Mut und entflammte mehr denn je in seinem Eifer, Fortschritte zu machen. So sehr vertiefte er sich ins Studium, dass man, hätte man ihn dabei beobachtet, gesagt hätte, sein Geist bewege sich unter den Büchern wie ein Feuer im Heidekraut – so unermüdlich und scharf loderten seine Kräfte.“
— Pantagruel, Kap. VIII
Œuvres principales - Extraits
Les extraits sont transcrits tels quels sur la colonne de gauche (orthographe légèrement modernisée), et traduits en français moderne sur la colonne de droite.
-
L'abbaye de Thélème
Pantagruel - 1532
-
Les fouaces
Gargantua - 1534
-
Frère Jean des Entommeures I
Gargantua - 1534
-
Frère Jean des Entommeures II
Gargantua - 1534
-
Six pèlerins en salade
Gargantua - 1534
-
Les alliances
Le Quart Livre - 1548
-
Les paroles gelées I
Le Quart Livre - 1548
-
Les paroles gelées II
Le Quart Livre - 1548




